GOWEBCounter by INLINE Preist, Manching und Bibracte, Pfostenschlitzmauer und Murus Gallicus

 

Die Stadtmauern von Preist, Manching und Bibracte -

konnten sie abbrennen?

 

ãProf. M. Schönherr, Juni 2002 info@m-schoenherr.de

 

 

 

 

 

Anlässlich der Auffindung einer großen Wallanlage im Jahre 1996 bei Stromberg/Rheinland-Pfalz stellte sich die Frage, wie die Wälle einzuordnen sind, zumal ca. 10% der Steine Brandspuren aufweisen. Die gängige Theorie, die sagt, es könne sich in solchen Fällen um einen abgebranntem „Murus Gallicus“ handeln, war zu schön um wahr zu sein.  Teilweise noch im  Gegensatz zu gängigen Annahmen komme ich zum Schluss, dass es im Keltenraum 3 ganz unterschiedliche Grundarten vorgeschichtlicher Wallproduktion gab mit heute teils fast identischem Erscheinungsbild als Steinwall mit Brandspuren:

 

  1. Den „Glaswall“ oder „vitrified wall“. Entsprechend dem Wallgrundriss aufgebaute Scheiterhaufen werden mit Steinen so bedeckt, dass noch gute Durchlüftung möglich ist und  abgebrannt. Durch die Hitze verglasen und verbacken die Steine miteinander und bilden eine zusammengeklebte unzerstörbare Steinbarriere. Der Vorgang kann über der bereits geschaffenen Steinbarriere mehrmals wiederholt werden. Die Barriere hat dann keine senkrechte Front, behindert aber einen Angreifer durch Kanten und Löcher stark. An ihr kann nichts brennen, da das Holz zu ihrer Herstellung schon verbrannt ist.

 

  1. Die Stein- Erde-Mauer mit Holzdurchschuss, die wichtigsten sind die „Pfostenschlitzmauer“ und der „Murus Gallicus“.  Das Prinzip der Trockenenmauer wird hierbei in Richtung der Mauertiefe durch eingelagerte Holzbalken erweitert. Längsbalken in Richtung des Mauerverlaufs können den Zusammenhalt weiter etwas erhöhen. Eingelagerte Erde dichtet die Konstruktion ab. Die Mauern sind feuersicher und können zu beträchtlicher Höhe und Dicke mit vertikaler Front aufgebaut werden. Wenn das Holz vermodert, schwindet der Zusammenhalt der Mauer senkrecht zu ihrer Längsrichtung und sie fließt zu einem Wall auseinander. Die heute gefundene schwarze Verwitterungsspur dieser Holzbalken gleicht der von Holzkohle, ist aber nicht Folge eines Brandes.

 

  1. Die Abraumhalde. Abraumgestein vom Bergbau sowie Schlacken und Steine mit Brandspuren aller Art fallen von der Vorgeschichte bis zur Neuzeit in Nähe der vorgeschichtlichen Besiedlungsfächen in beträchtlicher Menge an. (Bergbau, Verhüttung, Köhlerei, Handwerk, u.s.w.), sie häufen sich in 10, 100 oder gar 1000 Jahren zu beträchtlichen Halden an, die oft in ähnlicher Linienführung wie ein Verteidigungswall verlaufen. Es ist heute schwer diese Wällen von solchen nach 1. und 2. zu unterscheiden.

 

Das Material für Wall/Mauer nach 2.  kann durchaus mit Material aus der Abraumhalde nach 3. angereichert sein, sei es dass die Holz-Durchschuss-Mauer aus diesen Abraum besteht oder sei es dass der Abraum später auf die verfallende ehemalige Holzdurchschuss-Mauer geworfen wurde. Auch der Glaswall 1. kann schon vorgeschichtlich durch normale Steinschüttung  verstärkt worden sein und kann auch später eine Abraumauflage erhalten haben. Dieses 3- Wälle- Modell gestattet m.E. als einziges, die zwingend notwendigen Unbrennbarkeit einer vorgeschichtlichen Stadtmauer mit ihren heutigen physikalischen Befunden und den schriftlichen Quellen in Einklang zu bringen.

 

Nachfolgend wird anhand der Beispiele: Preist, Manching und Bibracte auf die zur Keltenzeit bedeutenden Stein-Erde-Mauern mit Holzdurchschuss weiter eingegangen (Punkt 2. siehe oben), speziell auf deren Nicht-Brennbarkeit.

 

 

 

 

 

Die Mauer von Preist

 

Die Mauer von Preist im Modell (Nortmann). Sie ist mit namensgebend für die „Pfostenschlitzmauer Typ Altkönig-Preist“ geworden.

Es gibt keine horizontale Verbindung der Balken untereinander, so dass ein horizontal sich forfressender Brand durch „Schotten“  physikalisch unmöglich ist.

Im Innern bestehen keinerlei Vertikalbalken, eine ggf. entstehende „Kaminwirkung“ bei postuliertem Glühen eines Balkens ist damit nicht möglich

 

 

 

 

Caesar beschreibt den „Murus Gallicus“ in DE BELLO GALLICO, LIBER VII,23

 

 

Gedenktürmchen in Bibracte zur Erinnerung an Caesar, der hier sienen „Gallischen Krieg“ verfasste und darin den „Murus Gallicus“, die gallische Mauertechnik  beschreibt.

Es ist eingraviert:

 

A BIBRACTE OPPIDO HAEDUORUM LONGE MAXIMO ET COPIOSISSIMO

__________

TOTIUS GALLIAE CONCILIUM BIBRACTE INDICITUR

___________

IPSE (CAESAR) BIBRACTE HIEMARE CONSTITUIT

___________

DE BELL GALL

I.23-VII.63-VII.90

            

Caesar beschreibt den Bau des Murus Gallicus:

 

“Muri autem omnes Gallici hac fere forma sunt. Trabes derectae perpetuae in longitudinem paribus intervallis, distantes inter se binos pedes, in solo collocantur. Hae revinciuntur introrsus et multo aggere vestiuntur: ea autem, quae diximus, inter valla grandibus in fronte saxis effarciuntur. His collocatis et coagmentatis alius insuper ordo additur, ut idem illud intervallum servetur neque inter se contingant trabes, sed paribus intermissae spatiis singulae singulis saxis interiectis arte contineantur. Sic deinceps omne opus contexitur, dum iusta muri altitudo expleatur. Hoc cum in speciem varietatemque opus deforme non est alternis trabibus ac saxis, quae rectis lineis suos ordines servant, tum ad utilitatem et defensionem urbium summam habet opportunitatem, quod et ab incendio lapis et ab ariete materia defendit, quae perpetuis trabibus pedes quadragenos plerumque introrsus revincta neque perrumpi neque distrahi potest.”

 

Nachdem es viele unterschiedliche Übersetzungen gibt, habe ich´s mal selbst als Ingenieur mit großem Latinum versucht. Bei den bunt gedruckten Stellen weichen die Übersetzungen verschiedener Autoren häufig voneinander ab:

 

„Die Gallischen Mauern sind aber alle etwa folgendermaßen gestaltet. Durchgängig gerade Balken (Querbalken) werden senkrecht zur Längsrichtung der Mauer am Boden liegend angeordnet, wobei der Abstand zwischen ihnen 2 Fuß (=60 cm)  beträgt. Diese werden im Innenbereich (der späteren Mauer) fixiert und mit viel Erde bedeckt: die aber schon genannten Zwischenräume, die sich aber an der Mauerfront befinden, werden mit großen Steinbrocken aufgefüllt. Wenn so (die unterste Reihe) angeordnet und zusammengefügt worden ist, wird eine weitere Reihe mit dem selben Intervall wie jene obendrauf gesetzt, dergestalt dass die Balken sich gegenseitig nicht berühren, sondern dass jeder einzelne Balken auf gleichem Abstand  mittels zwischen ihm und anderen Balken befindlichen Steinbrocken künstlich gehalten wird. So wird nacheinander das ganze Werk zusammengefügt, bis die richtige Mauerhöhe erreicht ist. In Ansicht und Vielfalt ist das Werk (der Murus Gallicus) zum einen nicht hässlich mit seinen abwechselnden und in geraden Linien ihre Ordnung einhaltenden Balken und Steinen, zum andern ist es zum Nutzen und zur Verteidigung der Städte überaus vorteilhaft, weil vor dem Brand der Stein und vor dem Mauerbrecher das Holzmaterial (Querbalken) schützt, welches infolge durchgängiger 40 Fuß langer und meist weiter innen mit ihm (dem Querbalken-Holzmaterial) verbundener Balken (Längsbalken) weder durchbrochen  noch auseinandergezogen werden kann.“

 

 

Ein paar Anmerkungen zu Caesars Beschreibung:

 

                         „Längsbalken“ = Balken, welcher in Längsrichtung der Mauer verläuft

                         „Querbalken“  = Balken, welcher senkrecht zur Längsrichtung der Mauer

                                                     verläuft, sein Kopf ist an der Front der Mauer zu sehen.

                        

 

  1. Eine Schicht im Murus Gallicus, bestehend aus Quer- Längshölzern hat im Gegensatz zu mancher Rekonstruktion keine „hölzerne“ Berührung mit der nächst höheren Schicht, vielmehr ist eine durchgängige Stein-Erde-Schicht dazwischen, denn nur so können die an der Mauerfront sichtbaren Balkenköpfe gleichen Abstand voneinander haben. Die Zwischenschicht ist statisch günstig und verhindert vertikale „Glutausbreitung“ durch Holzberührung. Der Murus Gallicus hat auch keinerlei Vertikalbalken und bietet keine Chance auf brandfördernden Kamineffekt  Das wird mittlerweile auch im Archäologielexikon so gesehen, siehe dort unter „Oppidum  www.archaeologisch.de/lexikontext.html
    Anmerkung 12.5.2010: Dieser externe Link aus 2002 sowie der unter 3. angegebene sind leider nicht mehr aktiv, wir haben keinen Einfluss darauf und bitten um Nachsicht!  Unsere hier erstmals dargelegten Ergebnisse wurden aber später in Wikipedia weitgehend übernommen: http://de.wikipedia.org/wiki/Murus_Gallicus

 

  1. Die Vernagelung bringt kaum Festigkeit des Verbands, vielmehr entsteht diese durch die Haftreibung infolge der großen Gewichtslast  zwischen Hölzern und Steinen. Die zur Mauerfront blickenden Balken (Querbalken) vervielfachen den ohne Mörtel erzielbaren „Trockenmauereffekt“. Nägel sind aber sicherlich zur Fixierung beim Aufbau und Aufschütten des Murus Gallicus notwendig, sozusagen zu dessen  „Heftung“

 

  1. Die nach 2000 Jahren aufgefundenen Balkenspuren werden teils als „verkohlt“ bezeichnet. Erst kürzlich hat die Uni Wien eine früher deswegen gegebene Branddiagnose korrigiert, siehe beim angegebenen Link unter „2.“ : www.univie.ac.at/urgeschichte/l&f/fe/bibracte.html

 

 

 

 

 

 

 

 

Modell des Murus Gallicus von Manching

 

 

 

 

Rekonstruktionsversuch des Murus Gallicus von Manching.

 

Die Querbalken sind nicht im gleichen Abstand voneinander angeordnet, wie Caesar es postuliert, denn ihr Vertikalabstand ist viel kleiner als ihr Horizontalabstand.

Das Modell ist auch so gezeichnet, als wären die im Innern längs der Mauer verlaufenden Längsbalken unendlich lang, was nicht sein kann. Es muss bei den Längsbalken  ein alternierender Versatz mit Überlappungen auftreten.

 

 

 

 

 

 

 

Der Murus Gallicus von Bibracte

 

 

 

Rekonstruktionsversuch des Murus Gallicus von Bibracte. Das Muster  der hier aus der Mauerfront herausblickenden Querbalkenköpfe entspricht in etwa  Caesars Beschreibung, die den selben Abstand aller Querbalken untereinander postuliert.

Nach Caesar sind in einer Balkenschicht die Querbalken  im Innern der Mauer „gefesselt“, also wohl über Längsbalken miteinander verbunden. Dass letztere mit den Querbalken der nächst oberen Schicht auch noch verbunden seien, sagt er nicht, im Gegenteil, er postuliert die „nicht hölzerne“ also  „steinerne“ Berührung der Schichten untereinander, was statisch und vom Feuerschutz her optimal ist.

 

Anmerkung zum technischen Teil

 

 

Die Theoriegrundlagen zur Deutung des heutigen  Zustands der vorgeschichtlichen Wälle habe ich 1996 Prof. Bantelmann, Ordinarius in Mainz zur Kenntnis gegeben und mit ihm besprochen, ebenso Dr. Zylmann vom LDA Mainz. Mit beiden sind auch die neugefundenen Wallsysteme begangen worden.

 

Die Diskussion in der Internet-Keltologie-Liste der Uni Wien, vor allem auch mit Dr. Raimund Karl unter der Rubrik „Heuneburg..., sowie „Brennende Mauern“ (Juni 2002) war Anlaß, meine schon bestehende Bibracte-Seite auf Technik-Fragen zu erweitern und die „Vitrified Walls“ mit zu erwähnen.

 

 

 

 

Noch ein paar Eindrücke von Bibracte heute

 

 

Oben:

Solch eigenartige Buchen mitten im Oppidum gedeihen nur mit Wurzeln in der Vorgeschichte!

 

Rechts:

Kaffeepause im nahen Chateau-Chinon. Hier war Gaston Mitterand Bürgermeister, bevor er Frankreichs Staatspräsident wurde. Er wollte nach seinem Tod auf Bibracte begraben sein, man kann´s verstehen.

 

Unten:

Blick von Bibracte am Morgen nach Südost

 

 

 

Ein Ausflug in Frankreichs Vorgeschichte ist immer seine Reise wert!

 

 

 

 

Vielen Dank für den Besuch!

 

Wer eine Schwäche für neuartig gewonnene archäologisch relevante Luftaufnahmen besitzt, bitte hier klicken: www.m-schoenherr.de/Luftbilder/default.htm

 

Viel Spaß beim Mitfliegen!

 

 

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